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Veröffentlicht am 3. August 2026

Auf der Suche nach dem Badeglück

Die Schweiz gilt zu Recht als «Land der Badis»: 600 öffentliche Freibäder laden zum Sprung in das – meist – kühle Nass ein. Für viele Menschen ist ihre Badi weit mehr als nur ein Ort zum Schwimmen: Sie ist ein fester Bestandteil des Sommers und längst Teil der Schweizer Alltags- und Freizeitkultur. Dabei ist dieser Badespass erstaunlich jung.

Die Fotografie in schwarz-weiss zeigt Badende im Strandbad Bellerive-Plage in Lausanne um das Jahr 1940. Im Vordergrund planschen Kinder vergnügt in einem kleinen Bassin, etwas davon entfernt stehen Erwachsene verschiedenen Alters. Im Hintergrund ist ein Teil der Betonarchitektur des Bades sichtbar, welches 1937 eröffnet wurde.

«Es lächelt der See, er ladet zum Bade» … noch nicht ganz

Friedrich Schiller hätte seinen berühmten Ausspruch heute wohl vor entsprechender Kulisse und im Stil eines modernen Influencer - über seine Social-Media-Kanäle verbreitet - einen besseren Werbespruch für die Schweizer Badekultur gäbe es wohl kaum. Sein Drama «Wilhelm Tell» wurde jedoch 1804 uraufgeführt und die Schweizer Seen waren weit davon entfernt Sehnsuchtsorte von Badenden und Sonnenhungrigen zu sein.

Zu dieser Zeit galt ungebändigte Natur noch mancherorts als latente Bedrohung. Gebadet wurde daher seit der Romanisierung im 1. Jahrhundert n.Chr. vornehmlich in geschütztem Rahmen z.B. in den Thermen von Aventicum (Avenches). Diese von den Römern geprägte Badekultur riss über Jahrhunderte nicht ab. In der Renaissance erlebte sie sogar einen Aufschwung. Davon zeugt der Humanist Poggio Bracciolini, der 1416 die Badekultur im aargauischen Baden ausführlich beschrieb und damit zeigt, wie sehr das gepflegte, gemeinschaftliche Baden weiterhin geschätzt wurde.

Ob mit Brennholz befeuert oder durch natürliche Thermalquellen geheizt-warme Bäder etablierten sich für Jahrhunderte als rege soziale Treffpunkte. Die renommierten Badekurorte erlebten ihre grösste und gleichzeitig letzte Blüte unter medizinischen wie touristischen Aspekten im 19. Jahrhundert.

Auf dieser Aquatinta-Druckgrafik wird der Badebetrieb in einem Thermalbad in Leukerbad im Wallis um 1810 gezeigt. Mehrere Menschen baden sitzend in unterschiedlichen Wasserbecken, welche von einer Holzdecke überdacht sind. Um die Becken stehen in Gruppen weitere Personen und unterhalten sich, ohne das Bad selbst benutzen zu wollen.

Von Thermal- zum Kastenbädern

Mit dem Aufkommen der Kastenbäder ab etwa 1860 boten sich in manchen Städten neue kühle Badegelegenheiten im Fluss oder See. In Zürich wurde 1888 das Frauenbad Stadthausquai eröffnet – ein bemerkenswerter Schritt, denn noch bis 1837 war Frauen das öffentliche Baden an diesem Ort untersagt. Die rudimentären Holzverschläge boten Schutz vor neugierigen Blicken und zugleich Sicherheit vor dem Ertrinken. Der wachsenden städtischen Bevölkerung dienten sie in erster Linie aber auch als Waschgelegenheit, aufgrund fehlender privater Badezimmer.

Auf dieser Fotografie ist das Frauenbad am Stadthausquai in Zürich, um etwa 1890 zu sehen. Als sogenanntes Kastenbad schwimmt die rechteckige Holzkonstruktion auf der Limmat und schafft einen umgrenzten Schwimmbereich. Am Ufer ist das Bad von Stadthäusern umgeben.

Auf zu neuen Ufern – Badekultur im Wandel

Nach Ende des Ersten Weltkriegs verlor die klassische Kurtradition rasch an Bedeutung. Umfassende soziale Umwälzungen ebneten neuen Badesitten den Weg. Aktives Schwimmen in offenen Gewässern wurde zum Vergnügen und Aspekt eines sportlichen Lebensstils. Ebenso, sich am Seeufer in die pralle Sonne zu begeben, was vor 1914 kaum mit den gesellschaftlichen Konventionen und Schönheitsidealen vereinbar war. 1919 veränderte sich die Gesellschaft jedoch spürbar. Mit dem Lido Weggis öffnete das erste Schweizer Strandbad ohne Geschlechtertrennung. Dieser Schritt war für viele ein Symbol des Aufbruchs, für andere ein Affront gegen die gewohnten Sitten. Prompt erhielt das neue Bad den spöttischen Beinamen «Schandbad» – ein Ausdruck dafür, wie stark sich die Vorstellungen von Öffentlichkeit, Körper und Freizeit gerade wandelten.

Auf dem hochformatigen Plakat, welches um 1940 entstanden ist, hebt sich mit starkem Kontrast der Sprungturm des Strandbades Bellerive-Plage in Lausanne vor der Kulisse des Genfer Sees mit seinen umliegenden Berge ab. Vom obersten Sprungbrett des 10 Meter hohen Turms setzte eine stilisierte Person zu einem Kopfsprung ins darunter liegende Bassin an, welche selbst nicht zu sehen ist, da der Sprungturm aus der Untersicht dargestellt ist.

Neue Bäder – Neues Bauen

Das gesteigerte Interesse an öffentlichen Strandbädern förderte in der Zwischenkriegszeit den Aus- oder Neubau von Badeinfrastruktur. Wurde das Lido di Lugano 1928 noch als filigraner Holzbau ausgeführt, setzten sich zusehends Stahlbetonkonstruktionen durch. Diese neuen Bauten stammten oft aus der Feder einer jungen Architektengeneration, die sich dem Neuen Bauen und den Ideen von Le Corbusier verpflichtet fühlte.

Exemplarisch sind hierfür die Strandbäder Biel/Bienne (1932), Arbon und Thun (beide 1933) mit ihren langgezogenen, flachen Baukörpern. Maritim anmutende Ästhetik prägte auch die neue Anlage von Bellerive-Plage in Lausanne (1937). Die modernen Strandbäder boten nun Garderoben, Liegewiesen, Restaurants und Sprungtürme.

Auf der Fotografie aus der Vogelschau ist in moderner Architektur, dem «Neuen Bauen» der 1930er-Jahre, das Strandbad Biel/Bienne zu sehen, die Baukörper des Restaurants und des Garderobentraktes sind voneinander abgesetzt. Davor breitet sich die Liegewiese und das eigentliche Seeufer aus, im Vordergrund ist das Motorschiff «Seeland» an der Ländte zu sehen.

Eitel Sonnenschein und ungetrübtes Badeglück?

Der Zweite Weltkrieg unterbrach die Erfolgsgeschichte der Strandbäder nur vorübergehend. Im Zuge des wirtschaftlichen Aufschwungs entstanden vor allem in den 1960er-Jahren zahlreiche neue Badebetriebe und bestehende wurden modernisiert. Vom See abgegrenzte Schwimmbecken mit aufbereitetem Wasser brachten neuen Komfort. Dies erwies sich als wertvoll, zumal das Baden in den Schweizer Seen ab den 1950er Jahren infolge zeitweilig starker Gewässerverschmutzung an Attraktivität verlor. Das Baden im offenen See war damit vielerorts nicht nur wenig einladend, sondern mitunter auch gesundheitlich bedenklich.

Auch das in der Schweiz so liebgewonnene Sonnenbad wurde in den letzten Jahrzehnten zunehmend als gesundheitliches Risiko erkannt. Doch der Beliebtheit der Badis tut dies keinen Abbruch; so verzeichnen die Bäder stetige Eintritte, welche mancherorts die Kapazitäten an Hochsommertagen übersteigen und erneutes Ausbaupotential offenbaren.

Nach rund einhundert Jahren bleibt der Badespass Volkssport und Teil der Alltagskultur zugleich. Er ist wie gesehen gleichzeitig Spiegelbild des jeweiligen Zeitgeistes und Abbild der gesellschaftlichen Befindlichkeiten.

Bildquellen und Literatur

  • Fotografie «Strandbad Bellerive-Plage in Lausanne» [ca. 1940] aus der Graphischen Sammlung / Archiv Photoglob-Wehrli, EAD-PHAL-8953-A (nicht in HelveticArchives verzeichnet)

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